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  • Mathias Blinzinger

Vom Mitarbeiter zur Führungskraft und was der Duden damit zu tun hat?

Aktualisiert: 9. Okt.

Ein erster Einblick in die Aufgaben, die Führungskultur und den Alltag einer Führungskraft

Vor circa 15 Jahren wollte ich nach einem Coaching-Termin wieder zurück zu meinem Arbeitsplatz. Auf dem Weg dorthin kam mir mein damaliger Vorgesetzter, der Geschäftsführer, entgegen und sagte: „Junger, komm mit. Wir müssen mal reden“. So also ging es zurück in ein speziell für Coaching-Termine eingerichteten Raum mit einer riesen Anzahl von Büchern über das Thema Unternehmensführung. Wir versanken tief in zwei Leder-Sofas. Ich hatte keine Ahnung was mein Vorgesetzter ansprechen wollte.


Zu diesem Zeitpunkt war ich Werksleiter eines mittelständischen Produktionsunternehmens mit ca. 180 Mitarbeitern und rund 50 Mio. Euro Jahresumsatz.


Mein Vorgesetzter sagte kraftvoll zu Beginn: „Du musst dich entscheiden. Möchtest du Generalist werden oder eine fachliche Laufbahn einschlagen?“ Im ersten Schritt wusste ich gar nicht was er mit Generalist meinte. Ich wusste aber, dass ich mich entscheiden musste. Schnell, sehr schnell, in diesem Gespräch. So war er und ist er vermutlich heute noch. Eigenschaften, die ich bis heute sehr, sehr schätze und übernommen habe. Direkt, offen, geradlinig, ohne lange Tamm, Tamm und langwierige Konzepte, entscheidungs- und umsetzungskraftvoll. Ein Wissensriese sein wollen? Nein, ich nicht. Lieber realisierungsorientiert.

Da schon einiges auf mich abgefärbt hatte, habe ich mich ohne genau nachzufragen für ‚Generalist‘ entschieden. Ich dachte, dass ich während des Gespräches noch genauer herausbekomme was er genau damit meint.

Er stand auf, klopfte mir auf die Schultern und sagte zu mir: Gut, Junge (ich bin bis heute noch immer der ‚Junge‘). Mehr verdienen tust Du aber deswegen nicht. ‚Und das war auch das Mitarbeitergespräch für dieses Jahr‘, entgegnete er mir.

Obwohl ich nicht wusste was jetzt passieren oder wie es weiter gehen wird, war mir klar wie ich das zu verstehen habe.

Das einzige wo der Erfolg vor dem Fleiß kommt ist der Duden - Das Herz voraus werfen.

Bis heute begleitet mich diese Einstellung und bestimmt meine Entscheidungen bei der Führungskräfteauswahl. Ziemlich egal was der jeweilige Kandidat / die jeweilige Kandidatin vorher war. Vielmehr was er / sie geleistet hat oder bereit ist zu leisten.


Ich sehe das so konsequent und geradlinig weil ich die Erfahrung machen durfte, dass mein damaliger Vorgesetzter zu jeder Zeit danach geschaut hatte, dass ich angemessen, nach erbrachter Leistung entlohnt wurde. Und Entlohnung hat nicht immer mit Geld zu tun. Zu keiner Zeit fühlte ich mich diesbezüglich benachteiligt. Auch wenn es manchmal im ersten Schritt schwer war vereinbarte Prämien zu erreichen oder ein reduziertes Fixgehalt in Verbindung mit einer deutlich höheren variablen Gehaltkomponente zu akzeptieren. Es hat immer geklappt. Immer wusste er um die Situation des Unternehmens, sah frühzeitig eventuelle Schwierigkeiten, wusste wie ich reagiere. Er ließ mir jedoch beinahe alle Freiheiten ‚mein‘ Unternehmen, wie er immer sagte, so zu führen wie ich es für richtig hielt. Und das gelang. Wegen der Werte meines Vorgesetzten. Was für tolle Eigenschaften. Gerechtigkeit, Fürsorge, Honorierung, Unterstützung.


Werte und Führungseigenschaften. Viel besagte und beschriebene Themen in Zusammenhang mit Mitarbeiterführung und Unternehmensführung.

Auch ich komme nicht daran vorbei diese anzusprechen.


Definitionen von Mitarbeiterführung, Erläuterungen der Charaktereigenschaften von Führungskräften, Aufzählungen von Führungsaufgaben etc. gibt es in größter Anzahl, in unterschiedlichsten Ausführungen und unterschiedlichsten Inhalten.

Kann man solch ein Thema überhaupt vollumfassend mit einem Text beschreiben? Ich glaube nicht.


Trotzdem möchte ich auch einen Versuch unternehmen um zumindest ein paar Bausteine diesbezüglich aufzuführen.


Beginnen möchte ich absichtlich nicht mit den Eigenschaften oder notwendigen Qualifikationen einer Führungskraft. Ich glaube diese ergeben sich automatisch mit den folgenden Inhalten.

Stellen Sie sich vor Sie sind Führungskraft und fahren morgens zu Ihrem Unternehmen. Beim ersten Anblick auf den Parkplatz und auf den Eingangsbereich stellen Sie fest, dass wie so oft Autos vor dem Fahrradabstellplatz geparkt sind, so, dass keine Fahrräder mehr dort abgestellt werden können. Auf dem Weg ins Gebäude rutschen Sie wieder einmal auf Zigarettenkippen vor dem Haupteingang aus. Vorher haben Sie festgestellt, dass der Wind die Unternehmensfahnen zerrissen hat und Beschilderungen verschmutzt sind.

Was meinen Sie wie Mitarbeiter*innen solche Auffälligkeiten wahrnehmen und was sie daraus ableiten können?

Eine kraftvolle und wirksame Führungskraft wird nicht an diesen Missständen vorbeigehen. Sie wird sich unmittelbar um diese Themen kümmern. Sofort.

Um das ‚Falschparken‘, die Zigarettenkippen, die Fahnen, die verschmutzen Schilder…

Und das ist vollkommen richtig so. Die Belegschaft nimmt unmittelbar und sehr sensibel wahr inwieweit Sie als Führungskraft Wert auf solche Dinge, nämlich Ordnung und Sauberkeit sowie deren Aufrechterhaltung, legen.

Dies beeinflusst die Verhaltensweisen der Belegschaft in größtem Maße.

Stellen Sie sich eine Führungskraft vor, die solche Themen nicht beachtet noch schlimmer gar nicht erst wahrnimmt. Eine Führungskraft, die über Kisten auf dem Fahrweg oder auf Gehwegen drüber stolpert und nicht reagiert.

Meinen Sie, dass die Belegschaft dann bereit ist nach Ordnung und Sauberkeit zu schauen? Aus Ordnung und Sauberkeit entsteht Qualität und aus Qualität wiederum Produktivität.

Es ist als von erfolgsentscheidender Bedeutung welches Führungsverhalten bzw. welche Achtsamkeit Führungskräfte hinsichtlich den Themen Ordnung und Sauberkeit an den Tag legen.

Die Produktivität wird in großem Maße durch ein solches Führungsverhalten beeinflusst. Nicht durch fünfmal miteinander multiplizierte Kennzahlen oder Software-Programme etc.

Nach den Themen Parken, Zigaretten, Fahnen, Ordnung und Sauberkeit spricht Sie eine Führungskraft auf einen ‚schwierigen Mitarbeiter‘ an ohne Ihnen genau zu sagen warum sie dies gegenüber äußert. Was fangen Sie nun damit an? Ist es Ihre Aufgabe sich darum zu kümmern obwohl es eine Führungskraft ‚dazwischen‘ gibt?

An Ihrem Arbeitsplatz angekommen fliegen Ihnen bereits die Kennzahlen vom Vortag entgegen. Oh nein, der Auftragseingang stimmt hinkt ziemlich hinterher, auch der Auftragsbestand schwindet, die Ausbringung lässt auch zu wünschen übrig. Der Servicegrad, der passt. Zum Glück.

Im folgenden Shopfloor Management Meeting stellen Sie wieder einmal fest, dass manche Zahlen nicht gepflegt und manche Inhalte nicht aktuell sind. Sie fragen sich wie es sein kann, dass Sie besser über manche Situation Bescheid wissen als die direkt zuständige Führungskraft? Wahrscheinlich weil Sie auf dem Weg vom Parkplatz zu Ihrem Arbeitsplatz durch die Produktion und andere Bereiche gegangen sind und sich einen persönlichen Eindruck verschafft haben. Warum verstehen es nicht alle Führungskräfte, dass dies so wichtig ist. Und dabei ist Shopfloor Management vielleicht das Instrument für einen effizienten und effektiven Auftragsabwicklungsprozess.

Nach dem Shopfloor Meeting sitzen Sie in der Vertriebsbesprechung. Wegen diesem Termin lagen Sie die halbe Nacht wach. Sie wissen, dass der Auftragseigang nicht stimmt. Das ein paar Projekte drohen betriebswirtschaftlich zu verrutschen. Sie haben aber Ideen und Vorschläge. Bei mir liegt immer ein kleiner Block auf dem Schreibtisch. Wenn wir nachts, leider ist das als Führungskraft so, etwas einfällt kann ich es kurz notierten und weiterschlafen. Sicher Zusein, dass ich es nicht bis zum nächsten Morgen vergesse. Sie sprechen die Vertriebsmitarbeiter:innen auf Claim Management an. Also ein Nachfordern für zusätzliche, ursprünglich nicht angebotene, Leistungen. Dies scheint immer wieder ein Problem zu sein. Aber warum?

Am Nachmittag fällt Ihnen wieder der ‚schwierige Mitarbeiter‘ ein auf den Sie angesprochen wurden. Sie kümmern sich nun gemeinsam mit der Führungskraft selber darum und können das Problem lösen.

Zum Feierabend erfahren Sie vom Vertriebsinnendienst, dass ein Kunde seinen Bedarf für das kommende halbe Jahr beauftragt hat. Plötzlich sieht es gar nicht mehr so schlecht aus mit dem Auftragseingang und Auftragsbestand.

Einigermaßen glücklich und erleichtert fahren Sie nach Hause zu Ihrer Familie oder zu Ihren Freunden.

Wie gut es doch ist eine Familie und gute Freunde zu haben. Sie helfen so sehr bei all den Aufgaben, die man nicht nur als Führungskraft hat.


Sehr viele Menschen stehen irgendwann an der Kreuzung mit Schild ‚Führungskraft oder Fachkraft‘.


Beide Laufbahnen sind absolut gleich viel wert und brauchen sich gegenseitig. Sie unterscheiden sich jedoch gravierend in Ihrer Ausführung.

Die paar wenigen Beispiele sollen einen kleinen Einblick in den Alltag einer Führungskraft geben.


Mit den folgenden Blog-Beiträgen werden die aufgeführten Themen und weitere Führungsaufgaben, Führungsinstrumente und Methoden genauer unter die Lupe genommen.


Die Entscheidung ‚Fachkraft oder Führungskraft‘ ist nicht einfach. Ich hoffe, dass Ihnen unter anderem dieser Einstiegs-Beitrag in das Thema Mitarbeiterführung und Unternehmensführung ein klein wenig geholfen hat. Wenn ja, würde ich mich riesig freuen wenn wir über diesen Blog in Kontakt bleiben.




Der nächste Blog-Beitrag wird sich genauer mit den Themen ‚Führungsaufgaben und Führungskultur und was diese mit Katzen auf dem Bauernhof zu tun hat‘ befassen.


Ach übrigens. Ein paar Monate nach dem Gespräch mit meinen damaligen Vorgesetzen wurde ich zum Prokuristen ernannt. Das ‚Herz voraus werfen‘ hat sich also gelohnt.


In diesem Sinne verabschiede ich mich für heute mit dem wundervollen Lied von U2 ‚With or without you‘



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